Mit meinem Oberschenkelhalsbruch fing alles an. Schmerzen, die den Tag bestimmen. Hunger? Fehlanzeige! Schon beim Aufstehen weiß man, wie der restliche Tag verlaufen wird. Und das obwohl ich schon Medikamente nehme. Schmerztoleranz, schonmal gehört, scheine ich aber nicht zu haben. Der Schmerz bestimmt alles.

Mittlerweile bin ich fast 3 Monate lang „clean“. Clean, von einem echt langen Trip, der über 12 Monate gedauert hat und völlig legal war, erschreckend. Hiermit möchte ich dich warnen.

Alles begann mit dem Bruch, und den Schmerzmitteln im Krankenhaus. Schon dort bekam ich Novaminsulfon, die aber mehr schlecht als recht gedämpft haben. Der Bruch tat weh und von Tag 1 an, sollte ich mich wieder bewegen, fällt aber schwer, wenn man nicht genug Kraft hat auf ein Bein komplett zu verzichten. Dazu kam, dass die restlichen Knochen weh taten, vom vielen Liegen und den fehlenden Muskeln. Ich konnte noch nicht auf der Seite liegen, dafür schmerzte der Gamma-Nagel im Oberschenkelhalsknochen, der für die Stabilität hineingehämmert wurde. Alles war gereizt, die Fersen, die Schulterblätter und alles dazwischen natürlich auch.

Auf Nachfrage gab es nichts stärkeres, nur mehr Novalmin, auch nur unter starker Kontrolle. So überstand ich die nächsten Tage im Krankenhaus. Nach 7 Tagen wieder zu Hause waren die Schmerzen stärker, ich hatte mich ja nun auch über weitere Strecken zu schleppen und die vom KH mitgegebenen Schmerzmittel reichten noch 2 weitere Tage. Auf der Suche nach mehr, stieß ich im Medikamentenschränkchen auf eine Packung Tramadol. Die hatte ich mal bekommen, als ich ein geprelltes Steißbein hatte, oder war es vom Nierenstein? Nun gut, rein damit und es wirkte hervorragend. Irgendwann war die Packung aber auch leer und beim Arzt verlangte ich Nachschub. Gibts denn noch was stärkeres, was ich nicht wie Smarties essen muss? „Ich könnte dir Tilidin verschreiben.“ – ein schneller Gedankensprung auf Zeitungsartikel über Missbrauch von Tilidin lässt sich in so einem Moment kaum vermeiden, aber ich willigte ein und wir haben ja auch mit einer kleinen 20er Packung mit 50mg Tilidin gestartet.

Die Wirkung war berauschend. Im wahrsten Sinne des Wortes. Ich erinnere mich jetzt noch an meine erste Pille, meinen ersten Trip. Der Trick ist, sehr viel Wasser mit der Tablette zu trinken. Ein Schluck und die Wirkung bleibt fast aus. Ich hab ein ganzes 0,5L Glas geext. Und die Pille schepperte richtig. Ich lag auf der Couch, die Füße auf dem Boden und die Chemie hämmerte nach 30 Minuten mit einem Vorschlaghammer auf mich ein. Es fühlt sich an, als wäre man tief in sich gekehrt. Der Kopf dreht leicht, vom Rücken, besonders über den Kopf hinweg, bis zur Brust kribbelt es – aber total angenehm. Alles wird warm. Euphorie macht sich breit – niemand ist vor einem sicher, am liebsten will ich jeden umarmen. Das ist mein Tilidin-Trip. Schmerzfrei, euphorisch und voller Tatendrang. Klingt wie Kokain, oder? Ist aber völlig legal, auf Rezept, ohne Zuzahlung – komplett kostenlos.

Die Wochen verstrichen, die anfängliche halbe Pille pro Tag erhöhte sich auf alle 6 Stunden, dann jedes Mal eine ganze Pille, dann verdoppelte ich die Dosis, auf 100mg pro Tablette. Mittlerweile bekam ich 100er Packungen. Abwechselnd, bei meinem Chirurgen, der mich immernoch wegen des Bruchs behandelte und bei meinem Allgemeinarzt, bei dem ich über die Schmerzen klagte. 100 Tabletten reichten im Herbst für einen Monat.

Mein schlimmster Tag waren wohl 5 Tabletten. Klingt nicht nach viel, sind aber immerhin 500mg von dem Teufelszeug, das irgendwas mit meiner Leber anstellt, was ich nicht merke, denn ich bin total gut drauf. Immer dann, wenn die Tablette wirkt. Und wenn nicht, dann bin ich abgeschlagen, von Schmerzen gezeichnet und insgesamt nicht gut drauf.

Meine Familie wusste nicht viel von der Sucht. Niemand bewacht mich 24/7 und in einem kleinen Ausschnitt fallen 1-2 Pillen kaum auf. Und der Junge trinkt ja immerhin gut. Ich habe viel Wasser getrunken, in der Hoffnung die Pille wirkt dadurch stärker, aber Durst hatte ich natürlich auch, mindestens um den Faktor 4 im Vergleich zu früher.

A pros pros – trinken – Alkohol wirkte nun viel stärker. Ein Bier und ich war gut dabei, zwei Bier und ich hatte je nach Tagesform einen Filmriss. Schrecklich, denn ich konnte nun nichts mehr vertragen und auf Geburtstagen oder Essen mit Freunden musste ich nun zum Wasser greifen, denn die Tablette war wichtiger. Ohne hielt ich es nicht aus. Die Schmerzen waren dann sofort wieder da, was anfangs nur am Bruch lag, ist nun mittlerweile überall in meinem Körper. Von der Fußspitze bis zum Nacken.

Meine Rettung war meine Freundin.

Ohne Isabell hätte ich wohl bis jetzt immer noch nicht den Absprung geschafft. Isabell war die Tablette schon immer ein Dorn im Auge. Es ist nichts Natürliches und schadet meinem Körper mehr, als dass es mir hilft. Was meine Organe wohl dazu sagen würden, meinte sie immer zu mir. Solche Konfrontationen hatten wir des Öfteren. Ich habe sie immer versucht zu vermeiden, den Gesprächen auszuweichen, habe die Tabletten immer häufiger heimlich genommen. Und immer wieder ertappte sie mich dabei, und schon kam die Diskussion wieder auf. Such dir einen Schmerztherapeuten. Ich hab doch nichts, sagte die Stimme in meinem Kopf, anderen geht es doch viel schlechter. Ich habe nunmal diese Krankheit und damit einher gehen diese Schmerzen, erwiederte ich dann oft, manchmal flossen Tränen und sie brachte viel Verständnis für mich auf. Dass ich vor dem Bruch auch ohne Schmerzmittel auskam, daran konnte ich mich schon gar nicht mehr erinnern. Die Erinnerung daran war wie ausgelöscht.

Schmerztherapeuten gibt es wie Sand am Meer, Termine sucht man aber vergebens. 6 Monate Wartezeit, so lange sollte es nicht mehr dauern. Im Internet, also einschlägigen Muskelschwund-Foren liest man von Physiotherapie und Schmerzmedikation. Ja, das mach ich doch schon, was will der Arzt da noch ändern? Drei mal pro Woche habe ich Physio, und schwächere Mittel kommen gar nicht in Frage. Was will der also machen?

Medikamentenwechsel habe ich gelesen, wird wohl genau für diesen Zweck eingesetzt, damit man die Dosis nicht ins Unermessliche steigern muss – ok, statt Tilidin zu nehmen, nahm ich jetzt eine Woche lang Tramadol. Erträgliche Schmerzen, keine Euphorie, wann ist die Woche endlich um? — endlich wieder Tilidin. Diesmal wieder ne halbe Pille, wieder der ursprünglich harte Kick, dann aber eine umso schnellere Gewöhnung. Binnen 2 Wochen war ich wieder bei 3-4 Pillen pro Tag. Schnell wieder Tramadol, schnell die Woche rum kriegen, ganz viel trinken und hoffentlich ein großer Euphorie-Flash von der ersten Tilidin.

Und immer wieder Diskussionen mit Isabell, Sorge und Vorwürfe von dem Menschen, der mir doch so wichtig ist. Ich musste etwas ändern, doch wie kriege ich den Absprung hin?

Ich habe einen „Kalten Entzug“ probiert. So habe ich 5 Tage ohne diesen Scheiß ausgehalten. Jeder Gedanke drehte sich um die kleine Pille. Ach komm schon, was soll die eine Pille schon machen? Es ist auch die letzte, nur einmal noch! Tag 3 war am Schlimmsten. Ich hatte die ganze Nacht wach gelegen, konnte aufgrund der zappeligen Beine nicht schlafen, die Schmerzen trieben mir Kaltschweiß in die Handinnenflächen, den Rücken und auf die Stirn. Den Tag über war ich unkonzentriert, müde, wie mit einem Kater (Hangover) unterwegs und jeder, JEDER Gedanke drehte sich um die Tablette. Am Ende hat mich die Tablette doch wieder bekommen. Ohne Alternative geht es nicht.

Mittlerweile hatte sich Isabell schon nach Alternativen umgesehen. Hast du denn schonmal Gras probiert? Ja früher, aber damit war ich viel zu breit und schlapp, das ist nix für mich. Wochen der Wiederholung später:

Mittlerweile habe ich den Absprung mit CBD geschafft. Ich habe jeden Abend 2-3 Züge zu mir genommen und war sofort schmerzfrei. Die Nacht hindurch, den ganzen Tag lang, bis zum Abend. Dann wieder 2 Züge, schmerzfrei, perfekt geschlafen, guter Tag und nach 3 Wochen konnte ich auch auf CBD verzichten.

Ich war plötzlich wieder schmerzfrei. Durchgehend. Ohne irgendein Mittelchen. Mein Körper war wieder frei, aus den Zwängen dieses Mittels. Ich hatte nicht mehr überall Schmerzen, wenn das Tilidin nachließ. Ich war nicht mehr fremdgesteuert.

Das ist Teufelszeug! Nehmt es nicht, lasst es euch nicht andrehen, weicht auf etwas anderes aus. Fragt nach Alternativen.

Ich möchte hier niemanden dazu ermutigen illegales Marihuana zu kaufen. Vielleicht könnt ihr ja wie ich einen Urlaub in Holland machen und euch da selbst therapieren. Ich lege es jedem ans Herz, der wie ich feststellt, dass er aufgrund eines Medikaments sein Leben nicht mehr selbst im Griff hat. Wenn ihr nicht mehr ohne die Pille könnt, seid ihr abhängig, lasst euch helfen.